Christin Müller
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Zwischen lokalhistorischer Erzählung und ästhetischer Präsentation

Über die posthume Verbreitung und Deutung der Photographien von August Kotzsch

»Warum können uns diese Aufnahmen heute, da die Fotografie sich doch so stürmisch entwickelt hat, noch beeindrucken?«, fragte Volkmar Herre 1965 in einem Artikel über das Werk seines Urgroßvaters August Kotzsch. Mit acht Photographien und einem kurzen Text stellte Herre das Werk in der Fachzeitschrift Fotografie vor, die vom Kulturbund der DDR/Zentrale Kommission Fotografie herausgeben wurde.1 Die Frage beantwortete er knapp: »Wir spüren das ehrliche Hinwenden zur Natur, kleine alltägliche Dinge wurden betrachtet, immer wieder neu erlebt und entdeckt […], wesensgetreu dargestellt und durch das handwerkliche Können und ästhetische Empfinden des Fotografen zur Aussage verdichtet«.2 Seit Erscheinen dieses Beitrags vor 60 Jahren haben sich durch die Aufnahme von Kotzschs Bildern in internationale Kunstmuseen, öffentliche Archive und private Sammlungen ebenso wie über die Deutung seines Werks in Ausstellungen und Publikationen verschiedene Sichtweisen auf sein Oeuvre herauskristallisiert. Bis Mitte der 1980er Jahre wurde Herres Frage meist mit Blick auf die regionale Ortsgeschichte beantwortet. Erst in den frühen 1990er Jahren überwog die kunst- und photohistorische Einordnung Kotzschs und damit verbunden eine vermehrte Ausstellung in Kunstmuseen sowie der Vertrieb über den Kunstmarkt. Die Anliegen der wichtigsten Akteurinnen und Akteure und deren Aktivitäten zur posthumen Vermittlung von August Kotzschs Werk werden im Folgenden näher betrachtet.

Ein lokalhistorisches Interesse verfolgte Karl Emil Scherz mit seiner umfangreichen »Ortsgeschichtlichen Sammlung Blasewitz und Umgegend«, in die er etwa 190 Aufnahmen von August Kotzsch bzw. diesem zugeschriebene integrierte. Mit der Sammlung wollte der Architekt die Trans formation der Dörfer im Osten Dresdens zu urban geprägten Vororten dokumentieren und versah die von ihm zusammengetragenen Photographien mit ausführlichen Beschriftungen.3 Scherz dürfte zumindest einen Teil der Aufnahmen direkt bei Kotzsch erworben haben. Die beiden haben sich vermutlich bei der Renovierung der Loschwitzer Kirche kennengelernt, die Scherz als Architekt durchgeführt und Kotzsch photographisch dokumentiert hat.4 Zudem stellte der Architekt bereits 1905 zwei Bilder von Kotzsch für ein Buch über Blasewitz zur Verfügung.5 Seit 1986 befindet sich die »Ortsgeschichtliche Sammlung« im Landesamt für Denkmalpflege Sachsen in Dresden. Kotzschs dort aufbewahrte Photographien konservieren nicht nur die Charakteristik der alten Dorfkerne, sondern waren Anfang der 1990er Jahre auch eine wichtige Quelle für den Wiederaufbau der kriegszerstörten Loschwitzer Kirche.6

August Kotzsch selbst schien der Photographie in seinen letzten Lebensjahren nur noch wenig Bedeutung beigemessen zu haben. Nach dem Umbau des Familienhauses 1905 richtete er seine Dunkelkammer nicht wieder ein, vergrub einen Großteil seiner Glasnegative im Garten und erwähnte sein photographisches Schaffen – im Gegensatz zu seiner Schmetterlingssammlung – in seinem Testament nicht.7 Sein jüngster Sohn Otto Kotzsch übernahm den photographischen Nachlass seines Vaters und sorgte selbst für eine Verbreitung des Werks durch Weitergabe in verschiedene Sammlungen und Archive.8 Bereits kurz nach dem Tod des Vaters ließ der Lehrer zweihundert Glasdias anfertigen und hielt ab 1911 bis 1960 ortsgeschichtliche Vorträge im Raum Dresden.9 Otto Kotzschs lokalhistorisches Interesse schlug sich darüber hinaus in seinem Engagement im Ortsverein Loschwitz nieder, dessen Vorsitzender er ab 1932 war.10 Der Verein setzte sich seit 1902 für den Aufbau des Ortsmuseums Loschwitz ein, das zur Bewahrung von »alten Erinnerungen an das Dorf Loschwitz, seine geschichtliche Vergangenheit, seine Bauten, Einwohner und Gäste für die Zukunft«11 geschaffen werden sollte. Öffentlichen Aufrufen folgend übergaben zahlreiche Loschwitzer Bürgerinnen und Bürger Photographien an den Verein, so auch Otto Kotzsch. Der Ortsverein Loschwitz und die Sammlung des Ortsmuseums wurden 1948 aufgelöst.12 Die Sammlungsobjekte gingen in das Archiv der Loschwitzer Kirche sowie in das Stadtmuseum und das Stadtarchiv Dresden ein. Die rund 70 überlieferten Original-Glasnegative verkaufte Otto Kotzsch Mitte der 1950er Jahre an die Deutsche Fotothek und an das Dresdner Stadtmuseum.13 Auf diese Weise wurden die Großformatnegative mit ihrer detailreichen Bildinformation für die zukünftige Forschung gesichert.14 Außerdem veräußerte er zwei Alben an das Dresdner Stadtmuseum, auf dessen Seiten er Hinweise zu Orten und Personen notiert hatte, und die durch die Abfolge der Bilder Aufschluss über die von August Kotzsch intendierten Bildzusammenhänge geben.15

Die privat betriebene Heimatforschung von Otto Kotzsch wurde von Personen mit ähnlichen Interessen fortgeführt: Die gesammelten Photographien, Glasnegative und Alben mit Reproduktionen, Vortragsmanuskripte und Zeitungsartikel gingen in den Besitz des Arztes Georg Ernst über, der neben seiner medizinischen Tätigkeit zahlreiche Vorträge zur Heimatgeschichte hielt und Ausstellungen organisierte.16 Im Zuge seiner Übersiedelung nach Westdeutschland 1966 musste Ernst seine Sammlung zurücklassen und schenkte sie dem Sächsischen Staatsarchiv. Der ehrenamtliche Denkmalpfleger Eberhard Münzner setzte ab 1967, nach dem Tod von Otto Kotzsch, dessen Vortragstätigkeit fort.17 Münzner stellte außerdem eine eigene kleine Sammlung von Originalabzügen August Kotzschs zusammen und gelangte an Otto Kotzschs Glasdias, die 1990 in der Loschwitzer Schule wiederentdeckt wurden.18 Sowohl die Dias als auch seine Photosammlung übergab Münzner 2012 dem Dresdner Stadtmuseum.

Ein weiterer zentraler Akteur, der sich für die Forschung zu August Kotzschs Werk eingesetzt hat, ist der Dresdner Kameramann und Filmemacher Ernst Hirsch. Bei seiner Recherche für einen Fernsehbeitrag anlässlich des 35. Jahrestags der Zerstörung Dresdens stieß er Ende der 1970er Jahre auf Konvolute von Kotzschs Photographien in Dresdner Sammlungen und Archiven. Bekannt war ihm der Photograph bereits durch seine Mutter, die eine Schülerin von Otto Kotzsch war, von den Vorträgen Otto Kotzschs berichtet hatte und einen Originalabzug von August Kotzsch besaß.19 Weitere Auskunft über dessen photographisches Schaffen erhielt Hirsch von Hermann Kotzschs Sohn Werner, an den ihn Werner Wurst, u. a. Autor der Zeitschrift Fotografie, vermittelte. Zur Sicherung der Motive und Sichtung des Gesamtwerks reproduzierte Hirsch alle ihm zugänglichen Negative und Positive Kotzschs. Er hielt Lichtbildvorträge über den Photographen, kommentierte die Motive mit lokalhistorischen Fakten und zeigte seine Neuabzüge in den jeweiligen Vortragsräumen.20

1986 organisierte Ernst Hirsch gemeinsam mit Volkmar Herre und Matthias Griebel, später Direktor des Dresdner Stadtmuseums, die erste monographische Ausstellung »August Kotzsch – Photograph in Loschwitz zum 150. Geburtstag «. In drei kleinen Räumen des Leonhardi-Museums in Dresden waren etwa 240 Aufnahmen sowie Alben und Arbeitsutensilien zu sehen.21 Um möglichst viele Motive Kotzschs zu präsentieren, waren bis zu neun Bilder in einen Rahmen montiert und thematisch bzw. nach Überlieferungsform sortiert.22 Im Begleitheft hebt Hirsch einerseits Kotzschs »freie Arbeiten, die durch ihren ungewöhnlichen Bildinhalt unsere Aufmerksamkeit erwecken« hervor, andererseits ist er für ihn »getreuer Chronist seiner Zeit«.23

Diese Beschreibung des Werks als Quelle für die regionale Ortsgeschichte und die Betonung des besonderen Blicks setzte sich in der im gleichen Jahr publizierten Monographie August Kotzsch 1836–1910. Photograph in Loschwitz bei Dresden fort. Bereits im Vorfeld der Ausstellung hatten Griebel und Hirsch das Projekt an den Verlag der Kunst in Dresden herangetragen. Auf der Leipziger Buchmesse 1986 bot dessen Leiter Horst Jähner dem Münchner Verleger Lothar Schirmer das Buch als Kooperationsprojekt an, sodass die Monographie zeitgleich in renommierten Kunstbuchverlagen der DDR und in der BRD erschien.24 Ein einleitender Text stellt Kotzsch in den Kontext der in Dresden aktiven Photographen und Maler des 19. Jahrhunderts, führt in seine Biographie ein und beschreibt die Bestände in öffentlichen und privaten Sammlungen Dresdens. Der Katalogteil umfasst 331 Abbildungen mit ortsgeschichtlichen Beschreibungen sowie Zeugnisse von Zeitgenossen und Nachfahren Kotzschs, Zitate von Künstlern zur Region und Informationen zur photographischen Technik des 19. Jahrhunderts.

Wenige Monate nach Veröffentlichung der Monographie beschrieben Rezensionen in der Fachpresse das Werk vor allem als regionalgeschichtlich wertvoll: In der Zeitschrift Fotografie stellten Griebel, Hirsch und Herre Kotzschs im eigenen Auftrag angefertigte Aufnahmen von Gebäuden und Alltagsszenen in Loschwitz in den Mittelpunkt, bei denen »der Fotograf äußerst zuverlässig« vorgegangen sei, »so daß seine Fotos eine hohe kulturgeschichtliche Aussagekraft« besäßen.25 In der österreichischen Fachzeitschrift Fotogeschichte konstatiert Timm Starl, dass das »wirklich Ungewöhnliche« sei, dass man »einen recht breiten Eindruck von den Lebensverhältnissen der Bevölkerung, ihrem Alltag, ihren Arbeitsgeräten, ihrer Kleidung, den Bauernhöfen und Häuslerwirtschaften, der natürlichen und der besiedelten Landschaft«26 erhalte. Dass es Ernst Hirsch, Matthias Griebel und Volkmar Herre mit der Ausstellung und Monographie gelang, August Kotzsch als Photograph einem breiten Publikum bekannt zu machen, belegen die 12.000 Besucherinnen und Besucher der Ausstellung und die 14.000 verkauften Exemplare der zwei Auflagen des Buchs.27 An diesen Erfolg anknüpfend, hielten Matthias Griebel und Ernst Hirsch regelmäßig Vorträge zum Werk August Kotzschs. Darüber hinaus entstand 1988 im Auftrag des Dresdner Fernsehstudios der Beitrag Bilder der Erinnerung. August Kotzsch. Photograph in Loschwitz bei Dresden unter der Regie von Ernst Hirsch. Darin wurden Kotzschs Naturstudien und Stillleben als Belege dafür gewertet, dass »sich hier ein Photograph mit dem Blick des Malers, mit künstlerischem Blick seinem Gegenstand genähert«28 habe.

2010, zum 100. Todestag von Kotzsch, konzipierte Anne Schliephake in Zusammenarbeit mit dem Orts verein Loschwitz-Wachwitz die Ausstellung »Von Loschwitz nach Amerika. Fotografien von August Kotzsch (1836–1910)« für das Stadtmuseum Dresden. Der begleitende Katalog knüpft in seiner Ausrichtung an die Monographie von 1986 an, indem er Kotzschs Bildern einen »tiefen Einblick in die Veränderung der Lebenswelt der Menschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts« attestiert und zugleich auf »das tiefe künstlerische Empfinden Kotzschs«29 verweist. Eine inhaltliche Ergänzung stellen die detaillierten Informationen zur Kameratechnik des Photographen und die Perspektive der Denkmalpflege dar. Die im Zuge der Ausstellung vorgenommene systematische Sichtung von öffentlichen und privaten Sammlungen bildete die Grundlage für das vorliegende Werkverzeichnis. Ab 2019 nahmen Matthias Griebel und Jürgen Frohse vertiefende Recherchen dafür auf und traten 2023 mit dem Vorschlag einer gemeinsamen Herausgeberschaft an die Deutsche Fotothek in Dresden heran.

Die dezidierte Einordnung von August Kotzsch als Kunstphotograph und die Aufnahme in den internationalen Kunstmarkt erfolgten erst ab den frühen 1990er Jahren. Die Grundlage für die künstlerisch-ästhetische Auseinandersetzung mit dem Oeuvre seines Vaters hatte Otto Kotzsch bereits lange vorher gelegt: 1929 und 1933 schenkte er dem Dresdner Kupferstich-Kabinett insgesamt 26 Bilder. Dort hatte Max Lehrs 1898 einen neuen Sammlungsbereich für das Medium Photographie mit einem Schwerpunkt auf piktorialistischer Photographie eingerichtet.30 Passend dazu überließ Otto Kotzsch dem Kupferstich-Kabinett hauptsächlich Pflanzenstillleben, Waldstücke und im Hof des Kotzschhauses aufgenommene Genrebilder, in denen August Kotzschs Interesse an einer bildkünstlerischen Gestaltung zum Ausdruck kam. Eine erste umfangreichere Präsentation von 15 Bildern aus dieser Schenkung fand 1959 in der Ausstellung »Künstlerische Fotografie in Dresden von den Anfängen bis in unsere Zeit« in der Staatlichen Galerie Moritzburg in Halle/Saale statt. Kuratiert hatte diese Heinrich L. Nickel, Professor für Byzantinische Kunstgeschichte an der Universität Halle, der Kotzschs Auf nahmen erstmals nachweisbar »als Vorstufe der modernen, sachlichen Fotografie« wertete.31 1982 organisierte das Kupferstich-Kabinett selbst die umfangreiche Ausstellung »Photographie in Dresden« im Dresdner Albertinum.32 Das geschah aus dem Verständnis heraus, dass »die Photographie ein Zweig der bildenden Kunst« sei »und deshalb in den Aufgabenbereich der Kunstmuseen«33 gehöre. Neben thematischen Sektionen zur Dresdner Phototradition wurden einzelne Photographinnen und Photo graphen mit einer Bildauswahl vorgestellt, so auch August Kotzschs Werk mit 50 Bildern.34

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands setzte sich Volkmar Herre dafür ein, das photographische Werk seines Urgroßvaters international im Kunstkontext bekannt zu machen. Im Rahmen seines Besuchs der »Photokina« 1990 in Köln legte er in der Galerie Mayer & Mayer etwa 20 Abzüge von August Kotzsch vor.35 Daraufhin besuchten ihn Rolf Mayer und Rudolf Kicken, beide Galeristen und Sammler von Photographie des 19. Jahrhunderts, in Leipzig und schlossen mit ihm einen Vertrag mit dem Ziel, »Name, Werk und Marktwert des Künstlers August Kotzsch […] durch koordinierte Aktivitäten« zu etablieren. »Kotzsch soll als einer der bedeutendsten deutschen Photographen des 19. Jahrhunderts einen entsprechenden Platz in der Kunstgeschichte der Photographie erhalten […] [und] in den international wichtigen öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten sein«,36 hieß es. Als Auftakt dieser Zusammenarbeit organisierten die Galerien mit Volkmar Herre die Ausstellung »August Kotzsch 1836–1910. Pionier der deutschen Photographie«, die 1992 im Albertinum in Dresden und in der Staatsgalerie Stuttgart sowie 1993 im Musée d’Orsay in Paris zu sehen war37 und von einem dreisprachigen Katalog begleitet wurde.38 Der Fokus lag nun auf der »künstlerischen Arbeit« statt wie 1986 auf einer Einordnung als »Historiograph seiner Heimat«,39 betonten Ulrike Gauss, Kuratorin der Staatsgalerie Stuttgart, und Wolfgang Holler, Direktor des Kupferstich-Kabinetts in Dresden, im Vorwort des Katalogs. Der Kontrast zwischen den vorherigen Ausstellungen und der Stuttgarter Präsentation hätte nicht größer sein können. Im postmodernen Stirling-Bau der Staatsgalerie hingen 80 Bilder, einzeln gerahmt und streng linear, in White Cube-ähnlichen Räumen.40 Im Programm der Staatsgalerie Stuttgart reihte sich die Ausstellung in Einzelpräsentationen von Photographen ein und nobilitierte August Kotzsch endgültig als wichtigen Protagonisten der frühen Kunstphotographie.41 In den Katalogtexten wird Kotzschs Werk im Kontext der internationalen Kunst- und Photogeschichte des 19. Jahrhunderts eingeordnet und er als Vorreiter der neusachlichen Photographie beschrieben. Jean-François Chevrier hob zudem hervor, dass in den Aufnahmen Kotzschs »eine Inflexion des Blicks spürbar [sei], die auf Imaginäres und Interpretatorisches eher als auf Beobachtung und Analyse zurückzuführen«42 wäre.

Im Anschluss an die Stuttgarter Ausstellung vermittelten die Galerien Präsentationen in Zürich, Paris und New York und nahmen Kotzschs Photographien mit auf internationale Fachmessen. Der Vertrieb gestaltete sich jedoch schwieriger als erhofft. Häufig konnten nur einzelne Obst- und Gemüsestillleben oder Naturstudien etwa an Museen in Wien, Canberra und Köln sowie internationale Privatsammlungen veräußert werden.43 Kleine Konvolute aus den privaten Sammlungen der Galeristen gingen in die Staatsgalerie Stuttgart, das Städel Museum in Frankfurt am Main und das Museum Kunstpalast in Düsseldorf ein. Parallel dazu begann die vermehrte Integration von einzelnen Bildern Kotzschs in Gruppenausstellungen in Kunstmuseen in Europa und den USA.44

Rund 400 Photographien von August Kotzsch kehrten 2022 und 2024 nach Dresden zurück. Die Deutsche Fotothek konnte diese aus dem Familiennachlass für ihre Sammlung sichern.45 Zusammen mit den Beständen von Kupferstich-Kabinett, Stadtmuseum Dresden, Stadtarchiv Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen und Sächsischem Staatsarchiv liegt nun ein Großteil des Werks in Dresden vor. Trotz dieser physischen Konzentration ist das Werk Kotzschs weltweit sichtbar: Mit dem Eingang der Bilder in die Deutsche Fotothek steht ein großer Bestand mit Metadaten digital zur Verfügung, auf den jederzeit von überall zugegriffen und der für Forschungen jeglicher Art ausgewertet werden kann.46

1   Volkmar Herre: »Beruf des Urgroßvaters: Photograph«, in: Fotografie. Zeitschrift für kulturpolitische, ästhetische und technische Probleme der Fotografie 19 (1965), Nr. 2, Februar, S. 60–63. Verfasst hatte Herre den Artikel als Aufsatz während seines Studiums der Photographie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig, in einem Seminar von Berthold Beiler (tel. Auskunft von Volkmar Herre am 17.7.2025), der im Redaktionsbeirat der Zeitschrift war.

2   Ebd., S. 60. In seiner schriftlichen Diplomarbeit Gedanken zur Landschaftsfotografie – Die Wandlung von Landschaftsauffassungen der Menschen, die Entwicklung der Landschaftsfotografie und einige Probleme der Landschaftsfotografie der Gegenwart (1968) führt er seine Gedanken zum Werk Kotzschs weiter aus und betont insbesondere die »wahrheitsgetreue Wiedergabe « ohne »gewagte Bildausschnitte und Perspektiven […]. Seine fotografischen Bemühungen sind frei von aller Künstelei, die durch die Verwendung extremer Brennweiten dem Betrachter eine Scheinwelt vorgaukelt.«; Archiv der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig, unveröffentlichtes Typoskript, S. 8.

3   Die Sammlung entstand zwischen 1897 und 1921 und enthält mehrere hundert Bilder in 57 Mappen und sieben Alben sowie eine Vielzahl an Dokumenten und Büchern; vgl. Winfried Werner: »30 Jahre ›Ortsgeschichtliche Sammlung Blasewitz und Umgegend‹ im Landesamt für Denkmalpflege Sachsen – Bemerkungen zu Leben und Werk des Architekten Karl Emil Scherz«, in: Denkmalpflege in Sachsen. Mitteilungen des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen (2016), S. 94–104, hier S. 95f.

4   Siehe L 83 bis L 88 in diesem Band. Im Folgenden wird in dieser Form (Buchstabe und Nummer) auf die Motive im Werkverzeichnisteil verwiesen. 

5   Vgl. Otto Rudolf Gruner: Blasewitz. Vergangenheit, Entwicklung und jetzige Einrichtungen einer Dorfgemeinde, Leipzig 1905, S. 63 und S. 73 bzw. siehe O 4 und O 19 in diesem Band.

6   Vgl. Eberhard Münzner: »Das photographische Werk von August Kotzsch im Dienste der Denkmalpflege«, in: Von Loschwitz nach Amerika. Fotografien von August Kotzsch (1836–1910), Ausst.-Kat. Stadtmuseum Dresden, hg. von Erika Eschebach, Dresden 2010, S. 43–45.

7   Vgl. Oh du herrliche Jugendzeit! Lebenserinnerungen des Loschwitzer Lehrers Otto Kotzsch, bearbeitet von Matthias Griebel/Eberhard Münzner/Helga Oelker, hg. vom Ortsverein Loschwitz-Wachwitz e. V., Dresden 2004, S. 110ff.

8   Sein Bruder, Hermann Kotzsch, lernte den Beruf des Photographen und betrieb mit Maximilian Adam ein photographisches Atelier in Dresden-Blasewitz. Zur Sicherung des Werks seines Vaters trug er zwischen 1910 und 1920 mit der Erstellung von Neuabzügen sowie Reproduktionsnegativen und Diapositiven bei.

9   Bis auf wenige Ausnahmen stammen die Vorlagen für die Dias von August Kotzsch; vgl. Oh du herrliche Jugendzeit! (wie Anm. 7), S. 112.

10   Ebd., S. 142.

11   Vgl.: https://ortsverein-loschwitz-wachwitz.de/vision-ortsmuseumloschwitz/ (letzter Aufruf: 25.7.2025). Insgesamt befanden sich rund 110 Photographien von August Kotzsch als Einzelbilder sowie in drei von Otto Kotzsch zusammengestellten Alben in der Sammlung des Ortsmuseums Loschwitz.

12   Vgl. ebd.

13   An die Deutsche Fotothek verkaufte Otto Kotzsch rund 20 Stück: ein Glasnegativ 1935 und weitere 1953, hauptsächlich topographisch einzuordnende Motive. An das Stadtmuseum veräußerte er 1954 rund 50 Original-Glasnegative, sowohl topographische Aufnahmen als auch Bilder des Kotzschhauses und der Familienmitglieder, außerdem eine Vielzahl an Reproduktionsnegativen von Hermann Kotzsch.

14   August Kotzsch konnte aufgrund der technischen Möglichkeiten seiner Schaffenszeit keine Vergrößerungen, sondern nur Kontaktabzüge der Negative herstellen; vgl. den Text von Ernst Hirsch in diesem Band, S. 22–26. Inzwischen erlauben hochauflösende Scans ein detaillierteres Auslesen der Bildinformationen.

15   Vgl. den Text von Agnes Matthias in diesem Band, S. 27–33.

16   Vgl. https://www.archiv.sachsen.de/archiv/bestand.jspoid=12.02&bestandid=12674&syg_id=&_ptabs=%7B%22%23tab-einleitung%22%3A1%7D#einleitung (letzter Aufruf: 25.7.2025).

17   Vgl. Anne Schliephake: »Von Loschwitz nach Amerika – und zurück? Verbreitung und Rezeption des fotografischen Werks von August Kotzsch«, in: Von Loschwitz nach Amerika (wie Anm. 6), S. 30–42, hier S. 32.

18   Die von Münzner zusammengetragenen Bilder stammen aus Nachlässen von Privatpersonen.

19   Vgl. Ernst Hirsch: Das Auge von Dresden, Dresden 2017, S. 162. Hirschs Mutter besaß das Bild Loschwitzgrund, Trasse der Standseilbahn und Luisenhof; siehe L 176 in diesem Band. 

20   Vgl. Werner Wurst: »Auf den Spuren des Fotografen August Kotzsch«, in: Fotografie 35 (1981), Nr. 12, Dezember, S. 444–453, hier S. 444.

21   Vgl. Ernst Hirsch/Matthias Griebel/Volkmar Herre: »Einführung in Leben und Werk des Photographen«, in: Dies.: August Kotzsch 1836–1910. Photograph in Loschwitz bei Dresden, 2. überarbeitete Aufl. Dresden/Basel 1994, S. 7–47, hier S. 47.

22   Auf den von Volkmar Herre gefertigten Installationsansichten ist gut zu erkennen, dass die Naturaufnahmen tableauartig zusammengestellt und die anderen teilweise auf Untersatzkarton aufgebrachten und kommentierten Motive nach Entstehungsort sortiert waren. In weiteren Rahmen waren bis zu 15 Bilder – Cartes de visite, Stereokarten und Angebotsbogen – zusammengestellt.

23   Ernst Hirsch: [»Einführung«], in: August Kotzsch – Photograph in Loschwitz. Zum 150. Geburtstag. Fotoausstellung IV, Ausst.-Kat. Galerie der Volkskunst im Leonhardi-Museum Dresden, Dresden 1986, o. S.

24   Laut Auskunft von Lothar Schirmer übernahm der Verlag zunächst 2000 Bücher der ersten Auflage und publizierte diese in Westdeutschland mit einem abweichenden Umschlagmotiv (E-Mail von Lothar Schirmer an Agnes Matthias vom 23.7.2025). 1994 erschien eine zweite, überarbeitete Auflage.

25   Matthias Griebel/Ernst Hirsch/Volkmar Herre: »Landmann und Fotograf: August Kotzsch«, in: Fotografie 41 (1987), Nr. 2, Februar, S. 70–75, hier S. 70.

26   Timm Starl: »Landmann und Fotograf«, in: Fotogeschichte 7 (1987), Nr. 23, S. 81–82, hier S. 82.

27   Vgl. Hirsch 2017 (wie Anm. 19), S. 162.

28   Bilder der Erinnerung. August Kotzsch. Photograph in Loschwitz bei Dresden, DEFA, Studio für Trickfilme, Kamera und Regie: Ernst Hirsch, Text: Marion Rasche, Farbe, 17 Min., Dresden 1988.

29   Text Umschlag hinten, in: Von Loschwitz nach Amerika (wie Anm. 6).

30   Vgl. Agnes Matthias: »Sammlungsgeschichte – Mediengeschichte. Fotografie am Dresdner Kupferstich-Kabinett«, in: KunstFotografie. Katalog der Fotografien von 1839 bis 1945 aus der Sammlung des Dresdener Kupferstich-Kabinetts, Best.-Kat. Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, hg. von Agnes Matthias, Berlin/München 2010, S. 16–31.

31   Heinrich L. Nickel: »Die Dresdner künstlerische Fotografie«, in: Künstlerische Fotografie in Dresden von den Anfängen bis in unsere Zeit, Ausst.-Kat. Staatliche Galerie Moritzburg, Halle/Saale, Halle/Saale 1959, S. 5–8, hier S. 6.

32   Zu sehen waren 1300 Photographien, 140 Daguerreotypien, 20 Apparate und 60 historische Dokumente; vgl. Werner Schmidt: »Gewinn einer Ausstellung «, in: Photographien aus zehn Ländern in Dresdner Sammlungen, Ausst.-Kat. Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dresden 1983, S. 5–6, hier S. 5.

33   Ebd.

34   Vgl. Installationsansichten von Martin Würker (Deutsche Fotothek, Sign. HK 197824 bis 197829). Im 1983 erschienenen Ausstellungskatalog wurde nur eine Auswahl der Exponate publiziert. Von Kotzsch wurden weder Photographien abgebildet noch wurde er überhaupt als ausgestellter Bildautor genannt.

35   E-Mail-Auskunft von Volkmar Herre an die Autorin vom 22.7.2025.

36   Vertrag vom 11.2.1991 zwischen den beiden Galerien Rudolf Kicken, Mayer & Mayer sowie Volkmar Herre (Archiv Galerie Sabine Schmidt, Köln). Bis 1993 existierte die Galerie Mayer & Mayer, anschließend vertrat die Sabine Schmidt Galerie bis 2014 das Werk Kotzschs. Danach übernahm die Galerie Kicken die alleinige Betreuung des photographischen Nach lasses von August Kotzsch.

37   Eine weitere, in der Presse angekündigte Station der Ausstellung im Metropolitan Museum, New York, fand nicht mehr statt; vgl. u.a. dpa: »Aus den frühen Jahren der Photographie«, in: Süddeutsche Zeitung, 31.8.1992.

38   Rolf Mayer, der in Stuttgart lebte, hatte seine private Photosammlung bereits 1987 in der Staatsgalerie Stuttgart ausgestellt. Darunter befand sich die Fichtenwurzel mit Wurzel mit Sonne (siehe N 59 in diesem Band), die vorher als Re-Import aus den USA zurück nach Deutschland gekommen war; vgl. Ulrike Gauss/Wolfgang Holler: »Zur Ausstellung«, in: August Kotzsch 1836–1910. Pionier der deutschen Photographie, Ausst.-Kat. Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Graphische Sammlung, Staatsgalerie Stuttgart, Stuttgart 1992, S. 7.

39   Ebd.

40   Vgl. August Kotzsch 1836–1910. Photograph in Loschwitz bei Dresden (wie Anm. 21), S. 47.

41   Die anderen monographischen Ausstellungen widmeten sich den Werken von Alexandr Rodtschenko (1990) und Anton Stankowski (1991), Félix Thiollier (1996), Eugène Cuvelier (1997) und Eugène Atget (1999); vgl. Bertram Kaschek: »Paradigma Kunst. Der Einzug der Fotografie in die Staatsgalerie Stuttgart«, in: Die Fotografie und ihre Institutionen. Von der Lehrsammlung zum Bundesinstitut, hg. von Anja Schürmann/Kathrin Yavacone, Berlin 2024, S. 203–219, hier S. 217.

42   Jean-François Chevrier: »Das Territorium des August Kotzsch«, in: August Kotzsch 1836–1910. Pionier der deutschen Photographie (wie Anm. 38), S. 8–20, hier S. 15.

43   Tel. Auskunft von Sabine Schmidt am 13.5.2025.

44   Vgl. die Liste der Ausstellungen in diesem Band, S. 506–509.

45   Bereits vorher bzw. parallel fanden die von Matthias Griebel und Ernst Hirsch zusammengetragenen Bilder von August Kotzsch sowie einzelne Bilder aus weiteren Privatsammlungen Eingang in die Sammlung der Deutschen Fotothek. Insgesamt summiert sich der Kotzsch-Bestand auf rund 500 Positive, rund 20 Glasnegative und 13 Angebotsbogen sowie Arbeitsmaterialien des Photographen.

46   Für wertvolle Hinweise und Unterstützung bei der Recherche danke ich Jürgen Frohse, Volkmar Herre, Bertram Kaschek, Agnes Matthias und Sabine Schmidt.

Publikationsort
August Kotzsch 1836-1910. Landmann und Photograph in Loschwitz bei Dresden. Werkverzeichnis, hrsg. von Matthias Griebel und Jürgen Frohse für den Ortsverein Loschwitz Wachwitz e. V. und Agnes Matthias für die Deutsche Fotothek, München 2026, S. 34-42